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Le Bisse Cognitif

Notiz Nr. 10

Ein Überfluss ohne Adresse

5 Min. Lesezeit

Das Gespräch, das Elon Musk Ende Juli Zanny Minton Beddoes gewährt hat, der Chefredaktorin des Economist, ist seither viel herumgereicht worden. Hängen geblieben ist vor allem die zweite Hälfte: das Handgemenge über Europa, die wechselseitigen Abneigungen. Ich habe es ganz angeschaut, eine Stunde zwanzig. Was mir davon geblieben ist, kommt in keinem der kursierenden Ausschnitte vor.

In achtzig Minuten über die vollständige Neuordnung der Weltwirtschaft nennt Musk Jurisdiktionen: die Vereinigten Staaten, China, Europa, das Vereinigte Königreich. Er nennt Infrastrukturen, Fabriken, Rechenzentren im Orbit, eine Mondbasis. Er nennt kein einziges Mal einen Ort, an dem jemand lebt. Keine Stadt zum Wohnen, kein Tal, kein Quartier. Der Überfluss, den er ankündigt, hat keine Adresse.

Die These verdient es, redlich wiedergegeben zu werden, denn sie hält besser stand, als der Ton vermuten lässt. Eine Wirtschaft stellt Güter her und erbringt Dienstleistungen. Wird Intelligenz im Überfluss verfügbar und verschafft sie sich über Roboter die Mittel, auf die Materie einzuwirken, dann ist die Produktion nicht länger durch die verfügbare Arbeit begrenzt, und der Preis von allem, was sich reproduzieren lässt, bricht ein. Musk führt die geldpolitische Überlegung zu Ende: In einer solchen Welt hiesse das Risiko Deflation, nicht Inflation. Über das Datum 2036 lässt sich streiten, und seine Bilanz bei solchen Prognosen lädt dazu ein. Den Zeitplan überlasse ich den Kommentatoren. Die Frage, die eine Region betrifft, hängt nicht davon ab.

Der lehrreichste Moment des Gesprächs ist im Übrigen keine Voraussage. Es ist ein Eingeständnis zur Governance. Auf die Konzentration seiner Stimmrechte angesprochen, erklärt Musk, er behalte die Kontrolle über seine Gesellschaften, um in fünf oder zehn Jahren denken zu können, ohne dem Druck des Quartals ausgesetzt zu sein. Der Mann, der das Ende des Geldes ankündigt, will also eines behalten, ein einziges: die Fähigkeit zu entscheiden. Seine Gesprächspartnerin erkennt die Bruchstelle. Sie hält ihm die Romane von Iain M. Banks entgegen, auf die er sich beruft und in denen die Menschen im Komfort leben und über nichts mehr entscheiden, und fragt ihn, was in seiner Welt des Überflusses von der Handlungsmacht bleibe, mangels eines besseren Wortes: wer noch entscheidet, wer noch etwas tut. Er antwortet nicht wirklich.

Das knappe Gut dieser Zukunft ist also weder der Boden noch das Gemälde noch die Aussicht, so sehr all das auch steigen wird. Es ist die Position, von der aus über die Verwendung entschieden wird.

Von hier aus gesehen ist daran nichts abstrakt. Das Wallis besitzt in Menge, was sich nicht reproduzieren lässt: Hang, Höhe, Licht, Namen, welche die ganze Welt kennt. In einer Wirtschaft, in der das Industrielle nicht mehr viel wert ist, steigen diese Aktiven zwangsläufig. Ich kenne Leute, die das als gute Nachricht lesen werden, und ich verstehe sie.

Ich misstraue dem dennoch. Eine Knappheit, die man nicht verwaltet, wird zur Rente, und eine Rente lässt sich aus der Ferne abschöpfen. Der Mechanismus hat nichts Zukünftiges: Er ist bereits am Werk. Die Preise lösen sich von den Löhnen des Ortes, der Wohnraum entgleitet jenen, die ihn in Betrieb halten, die Beschäftigung zieht sich auf saisonale Dienstleistungen zurück, die ausgebildeten Jungen gehen weg und kommen zu Besuch wieder. Wer hier wohnt, endet als Angestellter der eigenen Landschaft. Es genügt, an einem Dienstag im November durch gewisse Ferienorte zu fahren, geschlossene Fensterläden über vier Stockwerke, um zu begreifen, dass dieser Gleichgewichtspunkt längst keine Hypothese mehr ist. Der Überfluss würde ihn nicht korrigieren; er würde weltweit die Zahl derer vervielfachen, die zahlen können.

Siehe auch · Kapitel 8Tourismus

Ein Detail des Gesprächs berührt den Kanton näher, als Musk es sich vorstellen kann. Um zu sagen, was aus der freiwillig gewordenen Arbeit wird, wählt er das Bild des Gemüsegartens: Man wird sein Gemüse nicht mehr aus Notwendigkeit anbauen, man wird es der Geste wegen tun, und die Tomaten aus dem Garten, weniger perfekt als jene aus dem Laden, werden etwas Rührendes haben, wenn man sie Freunden aufträgt. Das Bild ist hübsch. Bei uns geht es daneben. Eine Wiese, die man nicht mehr mäht, sieht man nach zwei Saisons; einen aufgegebenen Rebberg am Hang nach drei. Was Kalifornien der Freizeit nach der Arbeit zuordnet, ist hier der Unterhalt des Aktivums selbst, denn die Landschaft, die die Welt bewerten wird, hält sich einzig durch diese Gesten aufrecht. Dieselben Gesten bedeuten nicht dasselbe, je nachdem, wo man sie vollzieht. Eine Rede, die nichts verortet, kann das nicht sehen.

Die Walliser Geschichte bietet im Übrigen einen Präzedenzfall, der der Logik der Rente genau entgegengesetzt ist. Wasser war hier nie im Überfluss vorhanden; das Rhonetal gehört zu den trockensten Gegenden der Schweiz, und der Hang schickt in die Talsohle, was den Höhen fehlt. Die Antwort der Gemeinschaften am Hang bestand nicht darin, den Zugang zur knappen Ressource meistbietend zu verkaufen. Sie bestand darin, das Werk zu bauen, das sie verteilbar macht, und die Regeln des Kehrs zu schreiben. Die Ressource dort fassen, wo sie im Überfluss vorhanden ist, sie dorthin leiten, wo sie fehlt, sie nach Regeln verteilen, die jeder überprüfen kann. Verschwunden ist die Knappheit deswegen nicht. Sie ist in andere Hände übergegangen. Von der Natur an die Gemeinschaft, die von ihr lebt.

Siehe auch · Kapitel 4Bisses, bourgeoisies, consortages

Die Lehre der Suone besteht also nicht darin, dass sich Knappheit abschaffen liesse. Sie besteht darin, dass sie sich regieren lässt. Die entscheidende Ressource einer Region ist nicht nur das, was sie besitzt: Es ist die Fähigkeit derer, die dort leben, über ihre Verwendung zu entscheiden.

Diese Fähigkeit beruht auf qualifizierten Menschen, die sich entscheiden zu bleiben, auf jenen, die man herzuholen vermag, auf jenen, an die man weitergibt: auf ansässigem qualifiziertem Humankapital, ohne das die Entscheidungsmacht ein blosses Wort bleibt. Und in diesem Punkt spielte die These vom Überfluss, selbst wenn sie sich nur teilweise bewahrheitete, zu unseren Gunsten. Was man in den grossen Agglomerationen suchte, in Zürich wie in Lausanne oder Genf, liess sich in einem Wort fassen: Dichte. Seltene Kompetenzen, versammelt im Umkreis weniger Kilometer. Nun aber läuft ein wachsender Teil dieser Kompetenzen über generalistische Modelle und Werkzeuge, die sich auch anderswo betreiben lassen, auch in einer Berggemeinde. Distanz kostet weniger als früher. Das ist der Wettbewerbsumschwung: Ein Fenster öffnet sich, und es wird nicht unbegrenzt offen bleiben.

Aber eine Region, die nur ihren nicht reproduzierbaren Charakter zu bieten hat, rekrutiert niemanden. Sie verkauft. Die ganze Frage liegt im Abstand zwischen diesen beiden Verben. Man rekrutiert Menschen, die hier produzieren und deren Kinder hier zur Schule gehen. Man verkauft an Menschen, die ihr Geld anderswo verdient haben und es drei Wochen im Jahr hier ausgeben. Beides bereichert die Region. Nur eines ergibt ein Projekt.

Ein Wallis, das seine Knappheit verwaltet, bleibt Akteur. Ein Wallis, das sie zu Geld macht, wird zum Schaufenster.

Es bleibt die Schwierigkeit, die Musk sieht und nicht behandelt. Ein Einkommen zu verteilen, sagt er, werde überhaupt kein Problem sein, es genüge zu emittieren. Gelegenheiten zum Tun zu verteilen, ist eine andere Sache, und diese lässt er ganz offen. Gelegenheiten zum Tun schweben aber nicht in der Luft. Sie sitzen in Unternehmen, Kanzleien, Laboren, Betrieben, und jeder dieser Orte hat eine Adresse.

Der Überfluss wird sich, wenn er kommt, nicht gleichmässig im Raum ausbreiten. Er wird eine Adresse haben. Welche, bleibt zu klären — und wer sie gewählt haben wird.

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Die französische Fassung ist massgebend.