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Le Bisse Cognitif

Notiz Nr. 7

Die Lehrer vor den Schülern ausbilden

3 Min. Lesezeit

Das Idiap und die Pädagogische Hochschule Wallis (HEP-VS) geben es Anfang Juni bekannt: eine Partnerschaft, um die künftigen Lehrer darauf vorzubereiten, die künstliche Intelligenz zu verstehen und zu nutzen, bevor ihnen die Frage von den eigenen Klassen gestellt wird. Die Meldung liesse sich in einer Kurznotiz abtun, widerspräche sie nicht so deutlich der vorherrschenden Intuition zum Thema, jener vom Digital Native, jenem Jugendlichen, der von Natur aus ein Werkzeug beherrschen soll, das der Erwachsene vor ihm mit Verspätung entdeckt.

Diese Intuition ist falsch, oder zumindest schlecht gestellt. Sie verwechselt Gewandtheit mit Kompetenz. Ein Schüler von fünfzehn Jahren bedient eine Oberfläche schneller als ein Lehrer von fünfzig, das ist unbestritten. Doch nicht die Geschwindigkeit im Gebrauch fehlt einer Klasse. Was fehlt, ist die Fähigkeit, zu beurteilen, ob eine erzeugte Antwort tragfähig ist, zu erkennen, wo sie dem Schüler schmeichelt, statt ihn zu korrigieren, eine durchdachte Aufgabe von einer bloss erzeugten zu unterscheiden. Ein Mathematiklehrer, der seit zwanzig Jahren Arbeiten korrigiert, erkennt in einer Zeile den Gedankengang eines Schülers, der nicht weiterkommt, und den eines Schülers, der die Rechnung ausgelagert hat, ohne den Vorgang zu verstehen. Diese Urteilsfähigkeit erwirbt man nicht mit fünfzehn. Sie baut sich über Jahre im Klassenzimmer auf, aus gesehenen und wiedergesehenen Fehlern, aus verschiedenen Weisen, denselben Begriff Kindern zu erklären, die nicht auf dieselbe Art verstehen.

Ich vertrete andernorts dasselbe Argument in Bezug auf die qualifizierte Arbeit im Allgemeinen: Die künstliche Intelligenz nivelliert die Kompetenzen nicht, sie vervielfacht die erfahrensten. Ein Notar mit dreissig Berufsjahren zieht mehr aus ihr als ein Praktikant, weil er bereits weiss, was er von ihr verlangen und wo er der Antwort misstrauen muss. Ein Lehrer, der fünfzehn Generationen von Aufsätzen korrigiert hat, weiss bereits, welche Fehler wiederkehren, welche Erklärungen ins Leere laufen, welche Schüler still abschalten, statt die Hand zu heben. Diese Erfahrung kann das Werkzeug verstärken, indem es differenzierte Übungen erzeugt, indem es in den Ergebnissen einer ganzen Klasse Regelmässigkeiten erkennt, die ein menschliches Auge Wochen braucht, um sie zu sehen. Es kann sie bei einem Lehrer, der beginnt, nicht hervorbringen, wie gross sein Talent auch sei.

Ein junger Lehrer, frisch von der HEP-VS, bringt gleichwohl etwas mit, das das Dienstalter nicht verbürgt: eine Gewandtheit, zu experimentieren, ohne zu fürchten, vor einer Klasse das Gesicht zu verlieren, eine Neugier auf Anwendungen, welche die vorangehende Generation nicht von sich aus in Betracht gezogen hätte. Das Urteil lernt sich mit der Zeit. Die Offenheit hingegen geht dabei mitunter verloren. Nichts zwingt zur Wahl: Die Grundausbildung muss diese Offenheit bewahren und zugleich den Erwerb des Urteils beschleunigen, und diese Beschleunigung stellte sich nicht von selbst ein, bevor die Frage dringlich wurde.

Die Lehrer vor den Schülern auszubilden, ist also weder eine übertriebene Vorsicht noch ein überholter hierarchischer Reflex. Es heisst anzuerkennen, dass die Orchestrierung einer Klasse — die entscheidet, wann zu verlangsamen, wann anzutreiben, wann ein Schüler sich wirklich irren zu lassen ist — ein Beruf für Erfahrene bleibt, selbst wenn der, der ihn ausübt, fünfundzwanzig Jahre alt ist und eben erst von der HEP-VS kommt. Es ist dieses Urteil, das die Grundausbildung vor dem technischen Handgriff einpflanzen muss, und das ist die richtige Reihenfolge.

Die Klassen sich nach und nach ausrüsten zu lassen, ohne jene ausgebildet zu haben, die über jede Anwendung befinden müssen, käme teurer zu stehen als der Rückstand, den man durch Übereilung zu vermeiden glaubt. Der Handgriff lernt sich rasch. Das Urteil nicht.

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Die französische Fassung ist massgebend.