Kapitel 03
Das Wallis auf dem Prüfstand des Wandels
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Was ist die walliser Eigenart wert, wenn man sie an den Tatsachen misst? Welche Vorzüge, welche Nachteile, welche Verwundbarkeiten genau? Und zunächst: Was sagen die Zahlen, und was verschweigen sie? Ein Kanton lässt sich nicht auf seine Statistiken reduzieren. Keine ernsthafte Zukunftsbetrachtung kommt jedoch darum herum, ihnen ins Auge zu sehen.
Wirtschaftliche Lage
Ende 2024 zählte das Wallis etwas mehr als dreihundertsiebzigtausend ständige Einwohner⁵. Sein Bruttoinlandprodukt hat 2022 die symbolische Schwelle von zwanzig Milliarden Franken überschritten⁶ und hält sich seither auf diesem Niveau. Sein Wachstum hat sich, nachdem die Jahre des post-pandemischen Aufschwungs vorüber waren, 2025 bei rund einem Prozent eingependelt⁷: ein wenig unter dem Schweizer Durchschnitt, ein wenig über jenem der anderen Bergkantone. Der Kanton befindet sich weder im Abstieg noch im Gnadenstand. Er hält seinen Kurs.
Dieser Kurs stützt sich auf mehrere Standbeine. Der Tourismus bleibt die sichtbarste Säule: rund ein Siebtel der kantonalen Wertschöpfung, bei fast jedem fünften Arbeitsplatz⁸. Die chemische und pharmazeutische Industrie, konzentriert im Oberwallis rund um Visp, bildet die zweite Säule – im walliser Selbstbild weniger präsent als die erste, aber für die wirtschaftliche Zukunft des Kantons vermutlich entscheidender. Life Sciences, Bauwirtschaft, Finanzsektor, spezialisierte Landwirtschaft (allen voran der Weinbau) ergänzen ein Gewebe, das vielfältiger ist, als man von aussen oft glaubt.
Die touristische Abhängigkeit ist also, insgesamt betrachtet, geringer, als man annehmen könnte. Sie verteilt sich allerdings sehr ungleich. Im Oberwallis liefert der Tourismus fast ein Viertel der regionalen Wertschöpfung; im Mittelwallis und im Unterwallis sinkt dieser Anteil auf etwas mehr als ein Zehntel. Diese Asymmetrie hat eine unmittelbare Folge: Kantonale Politiken, die als einheitlich gedacht sind, treffen je nach Tal auf sehr unterschiedliche wirtschaftliche Realitäten. Was für Zermatt gilt, gilt nicht zwangsläufig für Saxon, und umgekehrt. Der Kanton ist kein homogener Block. Er ist, wirtschaftlich betrachtet, mehrere Wallis zugleich.
Ein Punkt, den die Tourismusakteure selbst selten benennen, verdient hier Erwähnung. Ein touristischer Arbeitsplatz im Wallis erwirtschaftet im Schnitt rund fünfundsiebzigtausend Franken Wertschöpfung pro Jahr; ein industrieller Arbeitsplatz etwa das Doppelte; der kantonale Durchschnitt über alle Branchen hinweg liegt bei über hundertdreissigtausend. Der Tourismus ist deswegen kein schlechter Wirtschaftszweig. Er ernährt Familien, hält Dörfer bewohnt, wertet ein landschaftliches Kapital auf, das sonst brachläge. Seine Fähigkeit, allein eine dauerhafte Wohlstandsentwicklung zu tragen, ist hingegen begrenzt – der Kanton braucht ihn eher als Ergänzung denn als Ersatzsuche.
Es bleibt das, was die Zahlen nicht erfassen und was im Alltag dennoch schwer wiegt. Das Gewebe walliser KMU ist dicht, besteht aber vor allem aus kleinen Einheiten mit schmalen Margen, die kaum in der Lage sind, in ernsthafte technologische Umwälzungen zu investieren. Das gilt besonders für die KI, die in den einzelnen Berufen zur Anwendung kommt und die den dritten Teil dieses Essays bildet: Die Transformation wird sich dort weniger über einige Grossprojekte grosser Akteure entscheiden als über eine langsame, ungleichmässige Verbreitung in Hunderten kleiner Unternehmen, denen dafür weder die Kompetenzen noch die Budgets zur Verfügung stehen. Diese Verbreitung wird nicht von selbst geschehen.
Gesellschaftliche Lage
Die walliser Demografie erzählt für sich allein bereits einen Teil dessen, was hier verstanden werden soll. 2023 verzeichnete der Kanton das stärkste Bevölkerungswachstum der Schweiz: +2,4 %, gegenüber +1,7 % im landesweiten Durchschnitt⁹. Das Wachstum hat sich im Jahr darauf verlangsamt, ohne seinen Schwung zu verlieren, und man weiss inzwischen, dass es im Wesentlichen auf Zuzüge und nicht auf Geburten zurückgeht. Mehr als vier von fünf neuen Walliserinnen und Wallisern kamen 2024 von auswärts⁹: mehrheitlich aus dem Ausland, dann aus anderen Kantonen – an der Spitze die Waadt, dann Genf, Neuenburg und einige weitere in geringerem Mass. Der natürliche Saldo, die Differenz zwischen Geburten und Todesfällen, liefert nur noch einen marginalen Beitrag.
Auf den ersten Blick ist diese Bewegung eine ausgezeichnete Nachricht. Sie zeugt von einer echten Anziehungskraft, die sich im Zuzug erfahrener Fachkräfte, von Hochschulstudierenden, aktiven Rentnern und Familien niederschlägt, die anderswo kein passendes Lebensumfeld mehr finden. Mein eigener Weg, von Belfort über Paris ins Wallis, steht damit keineswegs allein da. Er fügt sich in eine Dynamik ein, die sich im grossen Massstab beobachten lässt, und genau das macht daraus einen strategischen Befund und keine blosse Anekdote.
Diese Bewegung bringt jedoch Spannungen mit sich, die man nicht kleinreden sollte. Der Zuzug neuer Einwohner verändert die soziologische Zusammensetzung der Gemeinden, besonders jener Alpdörfer, in denen sich der Wohndruck konzentriert. Sie belastet einen Wohnungsmarkt, der bereits durch die doppelte Zwangslage aus Lex Weber und touristischem Druck angespannt ist. Sie wirft die Frage der Integration auf – nicht im administrativen Sinn des Wortes, sondern im anspruchsvolleren Sinn der Teilhabe am Gemeinschaftsleben, an den lokalen Institutionen, an der Weitergabe dessen, was ein Dorf zu einem Dorf macht und nicht zu einer Schlafstadt werden lässt. Nichts garantiert diese Integration. Es wäre naiv zu glauben, sie stelle sich von selbst ein, durch den blossen Lauf der Zeit; sie setzt einen Willen voraus, Massnahmen, und – was am häufigsten fehlt – ein gemeinsames Nachdenken darüber, wen man aufnehmen will, in welchem Tempo, unter welchen Bedingungen.
Zu dieser Spannung zwischen Einheimischen und Zugezogenen tritt eine weitere, diskretere und wohl strukturellere hinzu: jene, die zwei nebeneinander bestehende Wallis trennt. Auf der einen Seite das touristische Wallis der Stationen, der Zweitwohnungen, der Saisonniers, der Wochenendströme, das im Rhythmus von Winter und Sommer lebt. Auf der anderen Seite das bewohnte Wallis: jenes der ganzjährig belebten Täler, der Schulen, der Nahversorgungsläden, des Vereinsengagements, der langen Lebenswege. Diese beiden Wallis leben auf demselben Gebiet nebeneinander, ohne stets dieselben Interessen zu teilen. Eine Gemeinde kann durch den Tourismus florieren und sich zugleich ihrer ständigen Bewohner entleeren. In manchen walliser Stationen hat diese Kluft aufgehört, eine ferne Drohung zu sein, und ist zu einer nachprüfbaren Realität geworden.
Demografische Lage
Auf demografischer Ebene laufen die Herausforderungen zusammen und verstärken sich gegenseitig. Das Bundesamt für Statistik projiziert für den Kanton bis 2050 rund vierhundertfünfzehntausend Einwohner¹⁰ – ein Wachstum, das auf lange Sicht robust bleibt. Diese Gesamtzahl verdeckt zwei gegenläufige Entwicklungen.
Auf der einen Seite zieht der Kanton an. Die Nettozuwanderung, vor allem interkantonal, stützt das Wachstum und bringt vielfältige Profile ins Wallis. Strukturell spricht nichts für eine Umkehr dieser Dynamik: Lebensqualität, Steuerbelastung, Infrastruktur, Klima (zumindest in der Ebene) – alles zieht weiterhin an.
Auf der anderen Seite altert die Bevölkerung, und zwar rasch. Bis 2035 wird mehr als jeder zehnte Walliser seinen achtzigsten Geburtstag überschritten haben¹¹. Die Lebenserwartung im Kanton erreicht Werte, die mit jenen der besten Schweizer Kantone vergleichbar sind: Ein heute im Wallis geborener Mann kann vernünftigerweise hoffen, an die einundachtzig Jahre heranzureichen, eine Frau die fünfundachtzig zu überschreiten¹². Der schrittweise Eintritt der Babyboom-Generationen ins hohe Alter wird in den kommenden fünfzehn Jahren die Bedürfnisse im Gesundheitswesen, in der Betreuung und bei den Nahversorgungsdiensten belasten. Das wird beträchtliche öffentliche Mittel binden. Und es wird besonders die Seitentäler treffen, wo die geografische Streuung jede Betreuung verteuert.
Diese doppelte Entwicklung – Zuzug neuer Einwohner auf der einen, Alterung auf der anderen Seite – erzeugt eine heikle Gleichung. Der Kanton zieht an, seine Bevölkerung wächst, doch ein erheblicher Teil dieses Wachstums betrifft Profile, die nicht mehr oder noch nicht ins Erwerbsleben eintreten. Der Bedarf an Gemeinschaftsdiensten wächst dann schneller als die Beitragsbasis, die ihn eigentlich finanzieren soll. Daran ist nichts spezifisch Walliserisches; die meisten europäischen Gesellschaften erleben dieselbe Gleichung. Aber sie stellt sich hier mit besonderer Schärfe, weil die Geografie des Kantons – verstreute Täler, Berggemeinden – jede Bündelung von Dienstleistungen strukturell erschwert.
Wird nichts Ausdrückliches unternommen, zeichnet sich ein Szenario ab: ein Kanton, dessen Bevölkerung weiterwächst, dessen Wertschöpfung pro Kopf aber stagniert, in dem sich die Gemeinschaftsdienste in den am dünnsten besiedelten Gebieten zurückziehen und in dem sich die Identität mangels ausreichender Integration der Zugezogenen allmählich auflöst. Nichts Spektakuläres an diesem Szenario. Kein Zusammenbruch von der Dramatik eines Katastrophenfilms: eher eine schleichende Normalisierung, ein stummer Verlust an Eigenart, ein Kanton, der bewohnbar bliebe, ohne je wieder bemerkenswert zu sein. Genau diese stille Normalisierung, mehr noch als jeder lautstarke Zusammenbruch, gilt es abzuwenden.
Was diese drei Ebenen verbindet
Diese drei Ebenen – die wirtschaftliche, die gesellschaftliche und die demografische – stellen in Wirklichkeit ein und dieselbe Frage aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln: jene des qualifizierten, ansässigen Humankapitals.
Ein Kanton, der vor allem Rentner und Zweitwohnungsbesitzer anzieht, sieht seine Wirtschaft von personenbezogenen Dienstleistungen und Konsum getragen, ohne den exportfähigen Mehrwert zu erzeugen, der die Zukunft finanziert. Wenn qualifizierte Junge fortziehen und die Zugezogenen sich nicht ins lokale Gewebe einbringen, erodieren die Gemeinschaftsinstitutionen langsam, mangels Nachwuchs ebenso wie mangels Schwung. Und wenn sich die Arbeitsplätze in Branchen mit geringer Wertschöpfung konzentrieren, geraten die öffentlichen Haushalte unter Druck, weil sich die Lasten des hohen Alters nicht mit den Margen des Massentourismus finanzieren lassen.
Den Tourismus entwickeln, die Pharmaindustrie stützen, die Dienstleistungen im Berggebiet aufrechterhalten: Diese Ziele zählen, doch keines von ihnen taugt als Kompass für das Wallis der Jahre 2025 bis 2040. Der Kompass fasst sich in drei Verben zusammen. Halten, anziehen, weitergeben: die qualifizierten Erwerbstätigen halten, die bereits da sind; jene anziehen, die hier exportfähigen Mehrwert schaffen können; beiden weitergeben, was es bedeutet, sich über das Wochenende hinaus in ein Gebiet einzuschreiben und seinen Teil am Gemeinschaftsleben zu übernehmen.
Genau auf diese Frage gibt der laufende Wandel eine partielle, aber reale und historisch neue Antwort. Die generative KI senkt die kritische Masse, die für die Erbringung wettbewerbsfähiger qualifizierter Arbeit nötig ist, und macht damit Lebenswege wieder möglich, die es seit drei Generationen nicht mehr gegeben hat. Eine erfahrene Führungskraft, ein Unternehmer, eine qualifizierte Selbstständige können sich im Wallis niederlassen, ohne auf jene Produktivität zu verzichten, die ihnen bis vor kurzem allein die Nähe zu einem urbanen Zentrum bot. Was der Kanton bietet – Lebensqualität, Steuerbelastung, Landschaft, Institutionen – wird zum ersten Mal seit langem wieder ausreichend, vorausgesetzt, es kommen jene Ergänzungen hinzu, die nicht vom Himmel fallen: Konnektivität, Ausbildung, ein Netzwerk von Gleichgesinnten, Einbindung ins lokale Gewebe. Nichts davon ist von vornherein gesichert, aber auch nichts davon liegt ausser Reichweite.
Die französische Fassung ist massgebend.