M1 · Executive Summary
Der Pitch in 90 Sekunden
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In der Gemeinde Haute-Nendaz gibt es einen Bewässerungskanal namens bisse Vieux, dessen erste Spuren bis vor 1658 zurückreichen. Er fasst das Wasser eines Bergbachs und leitet es, der Schwerkraft folgend, bis zu den Wiesen und Rebbergen hinunter. Ohne ihn würden diese Böden fast nichts hergeben. Mit ihm ernähren sie seit vier Jahrhunderten Familien. Der bisse erschafft das Wasser nicht. Er verlagert es.
Die generative Künstliche Intelligenz ist der bisse cognitif unserer Zeit – der "kognitive Bisse", der Fachwissen dorthin leitet, wo es bislang fehlte.
Ein Jahrhundert lang konzentrierte sich das wirtschaftliche Fachwissen auf eine Handvoll urbaner Zentren (Genf, Zürich, Paris, London), die Talente, Kapital und Methoden in einem Ausmaß an sich zogen, das die Bergregionen nie erreichen konnten. Dieses Kompetenzmonopol war der eigentliche Engpass: Um hochwertige qualifizierte Arbeit zu leisten, musste man dort sein.
Die generative KI durchbricht diesen Engpass teilweise. Sie nimmt das in den großen urbanen Reservoirs angehäufte Fachwissen und macht es, zu drastisch gesunkenen Grenzkosten, dort verfügbar, wo es fehlte: in den Tälern, in Vierpersonenkanzleien, bei Treuhändern, in Bergarztpraxen, auf Weingütern. Sie verringert die Exklusivität des großstädtischen Vorteils, ohne ihn aufzuheben: Die großen Städte bleiben dichter an Talent und Kapital als die Alpen, doch sie verlieren das Monopol auf das, was den Kern der Realwirtschaft ausmacht – die Erbringung qualifizierter Arbeit von wettbewerbsfähiger Qualität.
Für das Wallis bedeutet das etwas Konkretes: Wege, die vor zehn Jahren unmöglich waren, werden heute realistisch. Ein in Nendaz ansässiger Berater erbringt, was gestern noch ein ganzes Team leistete. Ein Treuhandbüro bearbeitet Dossiers, die bislang den großen Zürcher Kanzleien vorbehalten waren. Ein Talarzt erhält Zugang zu Analysekapazitäten, über die keine Spitalbibliothek verfügte.
Und genau hier hat das Wallis einen besonderen Vorsprung: Diese Umverteilung folgt einer Logik, die den Walliserinnen und Wallisern seit sieben Jahrhunderten vertraut ist. Eine Ressource dort fassen, wo sie reichlich vorhanden ist, sie dorthin leiten, wo sie fehlt, sie nach transparenten Regeln verteilen, sie unterhalten, ihre Verwaltung weitergeben. Genau das leisten die steinernen bisses seit dem Mittelalter, und genau das haben die Walliser Institutionen (bourgeoisies, consortages, Alpgesellschaften) im Umgang mit Wasser, Wäldern und Alpweiden gelernt.
Die These dieses Essays: Das Wallis steht weniger vor einem Dilemma zwischen Tradition und Moderne als vor einer historischen Gelegenheit, seine Tradition als Infrastruktur seiner Moderne zu nutzen. Die Institutionen, die seit sieben Jahrhunderten die Gemeingüter verwalten, sind am besten aufgestellt, um auch die kognitiven Gemeingüter zu verwalten, die sich heute auftun.
Das Zeitfenster steht offen. Es wird nicht unbegrenzt offenstehen. Die Entscheidungen, die den Kurs des Wallis für zwanzig Jahre bestimmen, fallen in den kommenden Jahren.
Die französische Fassung ist massgebend.